
Der Fluchtweg als Lernweg – Fluchterfahrung als Kompetenz
- diewircity
- vor 6 Tagen
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Pädagogin Franziska Agaibi berichtet über ihre Forschung und darüber, wie Geflüchtete durch ihre Erfahrung Kompetenzen entwickelt haben.
Als ich mich im Jahr 2023 dazu entschieden habe, meine Masterarbeit dem Thema des Lernens im Kontext von Flucht zu widmen, gab es dafür einen Grund. Immer wieder bin ich in Kontakt mit Menschen gekommen, die aus unterschiedlichen Anlässen ihre Heimat verlassen mussten und wenn sie mir Teile ihres Weges erzählt haben, war ich immer beeindruckt. Vor allem beeindruckt davon, wie sie nach so einem harten Weg schnell eine Routine in Österreich entwickelt haben und ihren Weg hier weiterführen im Bestreben sich hier ein gutes Leben zu ermöglichen.
Ich wollte mir das aus wissenschaftlicher Sicht ansehen und für mich erklärbarer machen, wieso so viele Menschen mit Fluchterfahrungen nicht daran zerbrechen,- denn die Geschichten, die mir bis dahin geschildert wurden, waren für mich unfassbar schlimm zu hören. Da ich glücklicherweise bereits einige Bekannte in meinem Umfeld gehabt habe, die nach Österreich geflüchtet sind, konnte ich mit ihrer Hilfe neun Menschen ausfindig machen, die bereit waren, mir ihre persönliche Fluchtgeschichte von der Entscheidung bis zum Ankommen im Aufnahmeland zu erzählen. Diese Geschichten habe ich dann ausgewertet und dabei Lernerfahrungen und -inhalte in den Blick genommen.
Der Prozess war wunderschön, traurig und anstrengend. In kurzer Zeit habe ich so viele Dinge gehört, die ich nicht meinen schlimmsten Feinden wünschen würde und es war für mich nicht einfach, mich damit über so einen langen Zeitraum so nah zu beschäftigen. Trotz der harten Inhalte gab es auch in beinahe jedem Interview einige witzige Anekdoten, bei denen sowohl die erzählende Person als auch ich ein wenig lachen konnten.
In der Auswertung der Interviews kam für mich dann eine große Überraschung. Der Großteil der identifizierten Lerninhalte hat einen klar positiven Charakter aufgewiesen. In der Auseinandersetzung mit den Geschichten hat sich klar herausgestellt, dass es nicht (nur) darum geht, was erlebt worden ist, sondern vor allem darum, wie die Erlebnisse für die Einzelperson in einen Lerninhalt verwandelt werden. Alle meine Interviewpartner:innen haben beispielsweise Resilienz entwickelt. Das heißt, obwohl ihnen Schlimmes passiert ist, bzw. auch weil ihnen Schlimmes passiert ist, haben sie in sich eine Widerstandsfähigkeit gefunden, die sie auch jetzt in herausfordernden Situationen weiterkommen lässt. Sie zerbrechen nicht an den heftigen Dingen, sie gestalten daraus den Willen und die Kraft zum Durchhalten, weil sie in sich wissen, dass es weitergehen wird; dass keine Situation, in der man sich befindet, für immer sein wird. Diese Fähigkeit das Negative, das einem widerfährt in eine positive Widerständigkeit mit erbarmungsloser Zuversicht zu verwandeln ist eine richtige Superkraft, auch wenn es sicherere Wege gibt, diese zu erlangen und es nicht fair ist, dass manche Menschen gezwungen sind, sie auf diesem (Flucht-)weg entwickeln zu müssen.
Neben der Resilienz, wurden insgesamt weitere 63 Lerninhalte aus den Geschichten herausgearbeitet, drei davon waren Anpassungsfähigkeit bzw. Flexibilität, Durchhaltevermögen und die Kompetenz, mit Ängsten und Unsicherheit umzugehen. Diese 3 Kompetenzen konnten alle Interviewpartner:innen auf ihrem Weg weiterentwickeln. Die erlernten Kompetenzen sind in unterschiedlichsten Situationen wertvoll und werden den Menschen, die über sie verfügen, immer wieder zur Seite stehen, wenn sich neue Herausforderungen ergeben.
In Einwanderungsländern, wie Österreich eines ist, werden geflüchtete Menschen leider oft abgewertet. In meiner Forschung konnte aber ganz klar gezeigt werden, dass Fluchterfahrungen ein großes Potenzial in sich tragen. Sie können eine Kompetenz darstellen, die vielfältig zu einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung beitragen könnte, wenn Aufnahmegesellschaften sie nicht aus Prinzip als defizitär ansehen würden.
Die gesamte Masterarbeit von Franziska Agaibi ist hier zu finden.


